Das älteste bewohnte Schloss der Welt und die Stadt, die um es herum gewachsen ist
Windsor liegt am Südufer der Themse in der Grafschaft Berkshire, etwa 55 Kilometer westlich von London und weniger als eine Stunde mit dem Zug vom Bahnhof Waterloo oder Paddington entfernt. Für deutsche Reisende ist die Stadt auf direktem Weg erreichbar: Der Flughafen Heathrow, nur 13 Kilometer von Windsor entfernt, wird von Frankfurt, München, Berlin, Düsseldorf und zahlreichen weiteren deutschen Städten aus direkt angeflogen, was Windsor zum idealen ersten oder letzten Halt eines Englandaufenthalts macht — zwischen dem Flughafen und London gelegen, aber mit einem eigenständigen historischen Gewicht, das einen Abstecher mehr als rechtfertigt. Alternativ bietet sich die Kombination aus Eurostar durch den Kanaltunnel und einer Weiterfahrt mit dem Zug an.
Das Schloss Windsor ist das älteste und größte dauerhaft bewohnte Schloss der Welt. Von Wilhelm dem Eroberer kurz nach der normannischen Eroberung Englands im Jahr 1066 gegründet und von fast jedem nachfolgenden Monarchen erweitert, dient es seit fast tausend Jahren ohne Unterbrechung als königliche Residenz. Es ist kein Museum, keine romantische Ruine und keine Rekonstruktion: Es ist ein aktiver Königspalast, in dem der König regelmäßig residiert, Staatsgäste empfängt und offizielle Zeremonien abhält. Wenn die Royal Standard über dem Round Tower weht, ist der König anwesend — ein Detail, das jedem Besuch eine Unmittelbarkeit verleiht, die kein museales Konzept replizieren kann.
Für deutsche Besucher mit historischem Interesse bietet Windsor eine besondere Perspektive: Das Haus Windsor — der offizielle Name der britischen Königsfamilie seit 1917 — trägt seinen Namen nach diesem Schloss. Zuvor hieß die Dynastie Sachsen-Coburg und Gotha, benannt nach dem fränkischen Herzogshaus, aus dem Prinz Albert, der Gemahl Königin Victorias, stammte. Die Umbenennung erfolgte im Ersten Weltkrieg aus politischen Gründen, um die deutschen Wurzeln der Königsfamilie zu verschleiern. Dieser wenig bekannte Zusammenhang macht Windsor zu einem Ort, der für deutsche Besucher eine unerwartete genealogische Dimension besitzt.
Schloss Windsor
Das Schlossinnere gliedert sich für Besucher in drei Hauptbereiche. Die Staatsgemächer beherbergen eine der bedeutendsten königlichen Kunstsammlungen der Welt: Werke von Rembrandt, Rubens, Van Dyck, Canaletto, Holbein und Gainsborough hängen neben Rüstungen, Sèvres-Porzellan und Möbeln, die die Krone über Jahrhunderte angesammelt hat. Für deutsche Besucher, die mit den Dresdner Staatlichen Kunstsammlungen, der Alten Pinakothek in München oder dem Berliner Bode-Museum vertraut sind, bieten die Staatsgemächer einen faszinierenden Vergleichspunkt: eine Sammlung von ähnlichem europäischem Rang, aber in einem Kontext, in dem die Räume noch immer für Staatsempfänge genutzt werden — bewohnter Prunk statt museale Distanz.
Die St.-Georgs-Kapelle, im 15. Jahrhundert im für England charakteristischen Perpendicular-Gothic-Stil erbaut, gilt weithin als eines der bedeutendsten mittelalterlichen Kirchenbauwerke Europas. Sie ist die Grabstätte von zehn britischen Monarchen, darunter Heinrich VIII. und Königin Elisabeth II., die hier im September 2022 beigesetzt wurde. Für deutsche Kirchenbaukenner bietet die Kapelle einen interessanten Vergleich mit der Schlosskapelle in Versailles oder dem Aachener Dom — ebenfalls Kirchenbauten, die dynastische Machtansprüche in Stein übersetzen, aber in einem völlig anderen architektonischen Idiom. Die Kapelle ist auch der Sitz des Hosenbandordens, des ältesten und ranghöchsten Ritterordens Großbritanniens, gegründet von Eduard III. im Jahr 1348. Die jährliche Garter-Zeremonie im Juni ist eines der prunkvollsten Zeremonielle im britischen Kalender.
Das Puppenhaus der Königin Mary, in den 1920er Jahren im Maßstab 1:12 mit Beiträgen führender Künstler und Handwerker der Zeit erbaut, gehört zu den überraschendsten Sehenswürdigkeiten des Schlosses: ein vollständig funktionierender Miniaturpalast mit Aufzügen, fließendem Wasser, Elektrizität und einer Bibliothek mit Büchern, die eigens von bedeutenden Autoren der Epoche verfasst wurden — darunter Rudyard Kipling und Arthur Conan Doyle.
Der Long Walk und der Windsor Great Park
Jenseits der Schlossmauern erstreckt sich einer der größten Königsparks Europas. Der Windsor Great Park umfasst mehr als 2.000 Hektar Wald, Wiesen und formale Gärten, die sich südlich der Stadt ausdehnen. Der Long Walk ist die baumbestandene Allee von fast fünf Kilometern Länge, die das George-IV.-Tor des Schlosses mit der Reiterstatue Georgs III. — dem sogenannten Copper Horse — auf dem Gipfel von Snow Hill verbindet und eine der feierlichsten formalen Sichtachsen Englands bietet. Für deutsche Besucher, die mit den barocken Schlossachsen von Herrenhausen, Nymphenburg oder dem Berliner Tiergarten vertraut sind, ist der Long Walk ein britisches Gegenstück dieser Tradition — schlichter in seiner Bepflanzung, aber von derselben souveränen Geste des in Landschaft übersetzten Machtwillens.
Der Park beherbergt auch den Savill Garden, der als einer der schönsten Ziergärten Großbritanniens gilt, mit außergewöhnlichen Rhododendron-, Rosen- und Waldpflanzungen auf über 14 Hektar. Die Valley Gardens bieten weitläufige Spazierwege durch azaleenbedeckte Hänge, die im Spätherbst ein Farbenspektakel von außergewöhnlicher Intensität bieten.
Eton und die Themse
Wenige hundert Meter vom Schloss entfernt, über eine Fußgängerbrücke über die Themse erreichbar, liegt das Dorf Eton, das vollständig vom Komplex des Eton College dominiert wird. 1440 von Heinrich VI. als Armenfreischule gegründet, hat Eton einundzwanzig britische Premierminister ausgebildet — darunter Wellington, Gladstone, Macmillan, Blair und Cameron — sowie Generationen von Persönlichkeiten, die die britische und globale Kultur in allen Bereichen geprägt haben. Für deutsche Besucher liegt der Vergleich mit der Kaderschmiede-Tradition der deutschen Eliteuniversitäten nahe — Heidelberg, Tübingen, die frühere Berliner Universität — mit dem entscheidenden Unterschied, dass Eton als Schule, nicht als Universität, seine Prägung noch früher und noch tiefer ansetzt. Durch die Straßen von Eton zu spazieren — mit Schülern in schwarzen Fräcken zwischen mittelalterlichen und Renaissancegebäuden — ist eines der charakteristischsten englischen Bilder, die ein Besucher irgendwo im Land antreffen kann.
Die Themse bei Windsor hat einen besonderen Charakter: breit, gemächlich, gesäumt von viktorianischen Flusshäusern und Wasserwiesen, die sich seit Jerome K. Jeromes Beschreibung ähnlicher Abschnitte in Drei Mann in einem Boot von 1889 kaum verändert haben. Im Sommer ist Bootsverleih am Windsor-Ufer verfügbar, und die Fahrt stromaufwärts zur Boveney-Schleuse oder stromabwärts nach Datchet bietet Blicke auf das Schloss vom Wasser aus, die von keiner Straße und keinem Wanderweg zugänglich sind.
Die Stärken von Windsor
Windsors Reiz für internationale Besucher beruht auf einer Kombination, die in England einzigartig ist. Das Schloss bietet Zugang zu lebendiger Königsgeschichte in einer Tiefe, die anderswo nicht zu finden ist — nicht die zeremonielle Fassade des Buckingham Palace, sondern eine Residenz, die tausend Jahre architektonischer, künstlerischer und politischer Geschichte in noch sichtbar lesbaren Schichten angesammelt hat.
Die Wachablösung in Windsor hat einen anderen Charakter als die bekanntere Zeremonie am Buckingham Palace. Der Zug bewegt sich durch die Stadtstraßen — an Geschäften, Cafés und dem gewöhnlichen Stadtleben vorbei — bevor er das Schloss betritt, was ihm eine Intimität und Zugänglichkeit verleiht, die die Londoner Version nicht bieten kann.
Windsor ist auch ein hervorragender Ausgangspunkt für die weitere Erkundung der Region. Der Palast von Hampton Court, die Tudor-Residenz, die Kardinal Wolsey erbaute und Heinrich VIII. beschlagnahmte, liegt etwa 20 Kilometer entlang der Themse. Legoland Windsor, einer der meistbesuchten Freizeitparks Großbritanniens, liegt 3 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt — ein wichtiges Argument für Familien mit Kindern, die Windsor als Basisstation wählen. Und Heathrow, 13 Kilometer entfernt, macht Windsor zur logischen ersten oder letzten Station für Reisende, die über London ein- oder ausreisen.
Wann Windsor besuchen
Frühling (März–Mai)
Der Frühling ist eine der besten Reisezeiten für einen Besuch aus Deutschland. Flüge nach Heathrow sind in der Regel günstiger als im Sommer, das Schloss ist weniger überlaufen und der Great Park erreicht seinen Höhepunkt im April und Mai mit der Blüte der Azaleen und Rhododendren in den Valley Gardens. Das milde Frühlingswetter und die langer werdenden Abende machen es möglich, sowohl die Stadt als auch den Park an einem einzigen Tag ohne Zeitdruck zu erkunden.
Sommer (Juni–August)
Der Sommer ist Hochsaison. Das Royal Ascot im Juni — das berühmte Pferderennen, das in Ascot, nur 10 Kilometer von Windsor entfernt, stattfindet — ist eines der glamourösesten Gesellschaftsereignisse des britischen Kalenders und zieht auch aus Deutschland Besucher an, die Pferderennen als gesellschaftliches Ereignis schätzen. Die Garter-Zeremonie im Juni ist das bedeutendste jährliche Königsereignis in Windsor. Warteschlangen am Schloss können im Juli und August erheblich sein; eine Online-Vorabreservierung wird dringend empfohlen.
Herbst (September–November)
September und Oktober bieten ein Windsor, das ruhiger, preiswerter und in vielerlei Hinsicht lohnender ist als der Sommerpeak. Die Herbstfarben im Great Park — besonders entlang des Long Walk und in den Valley Gardens — gehören zu den schönsten im Süden Englands. Die Hotelpreise sinken, die Schlossqueues verkürzen sich und die Stadt nimmt einen authentischeren Rhythmus an. November ist noch ruhiger, mit besonders atmosphärischen Schlossinterieurs im niedrigen Licht der Jahreszeit.
Winter (Dezember–Februar)
Windsor im Winter hat einen besonderen Reiz. Das im Winterlicht illuminierte Schloss, der Weihnachtsmarkt im historischen Stadtzentrum und die Stille des Great Park an einem frostigen Morgen bieten eine Erfahrung, die sich grundlegend von der Sommerversion der Stadt unterscheidet. Für deutsche Besucher, die mit stimmungsvollen Weihnachtsmärkten vertraut sind, ist der Windsor-Weihnachtsmarkt bescheidener als die großen deutschen Vorbilder — aber die Kulisse des königlichen Schlosses im Hintergrund ist einzigartig. Januar und Februar sind die ruhigsten Monate des Jahres, mit minimalen Warteschlangen am Schloss und den niedrigsten Übernachtungspreisen des Jahres.
Durchschnittliche Temperaturen in Windsor nach Jahreszeit
Winter (Dezember–Februar): Die Temperaturen liegen zwischen 2 °C und 7 °C. Frost ist möglich, Regen häufig und die Tage sind kurz. Wasserdichte Kleidung und Schichten sind unbedingt empfehlenswert.
Frühling (März–Mai): Die Temperaturen steigen schrittweise von etwa 7 °C auf 15 °C. April und Mai bringen deutlich längere Tage und mehr Sonnenschein, mit gelegentlichen Schauern.
Sommer (Juni–August): Die Durchschnittstemperaturen liegen zwischen 17 °C und 23 °C, mit gelegentlichen Spitzenwerten von 28 °C oder mehr bei Hitzewellen. Das Klima ist generell angenehm und sonnig.
Herbst (September–November): Die Temperaturen sinken von etwa 17 °C im September auf 7 °C im November. Die Niederschläge nehmen ab Oktober zu; ein kompakter Regenschirm ist ab dieser Jahreszeit empfehlenswert.
Foto‑Credits: King's Church International (Unsplash)